© 2016 Michael Kuonen

Eisausbildung und Trainingstouren in den Walliser Bergen

14 Sep 2017

Für unsere diesjährigen Sommerferien hatten wir etwas Besonderes vor. Meine Freundin und ich haben uns für die Grund-Eisausbildung mit Trainingstouren (auch bezeichnet als 4’000er Trainingswoche) der Alpinschule Berg+Tal angemeldet. Was wir während den fünf Tagen so getrieben und erlebt haben, erfahrt ihr in diesem kurzen Erfahrungsbericht.

 

 

 

Anreise und Knoten (Tag 1)

 

Kaum am vorgegebenen Treffpunkt, dem Bahnhof von Zermatt eingetroffen, sprach uns sogleich ein Pärchen an und fragte, ob wir auch an der 4'000er Trainigswoche teilnehmen würden. Schon bald gesellten sich weitere Kursteilnehmer dazu, die sofort erkannt hatten, zu welcher Gruppe sie sich stellen mussten. Montag morgens nach 11:00 Uhr standen denn auch nicht viele, wie Berggänger gekleidete und ausgerüstete Leute herum. Die meisten auf dem Bahnhofplatz anwesenden Personen liessen sich ohne grosse Mühe als Touristen identifizieren.

 

Kurze Zeit später stiessen auch die beiden Bergführer (Fabian und Michael) zum bereits vollständigen Kreis der Kursteilnehmer. Nachdem sie sich vorgestellt hatten, teilten sie uns (9 Kursteilnehmer) in zwei Gruppen unter sich auf. Für die kommenden Kurstage gehörten meine Freundin und ich zusammen mit drei weiteren Personen zur Gruppe unter der Leitung von Bergführer Fabian.

 

Mit der Gondelbahn fuhren wir von Zermatt zum Trockenen Steg (2’939 müM). Von dort erreichten wir nach einem kurzen Marsch die Gandegghütte auf 3’029 müM, wo wir unser Schlafzimmer für die nächsten beiden Nächte bezogen, ein für Berghütten üblicher Massenschlag mit zwölf Schlafplätzen.

 

 

 

 

 

Weiter ging es sodann mit einer Einführung in die Seil- und Knotentechnik, die für das Laufen auf Gletscher und die kommenden Touren erforderlich war. Dazu gehörten unter anderem der Achterknoten (nicht allzu überraschend), die Seilverkürzung, das Gehen am langen und am kurzen Seil, der doppelte Spierenstich und der Prusik.

 

 

 

 

 

Das Wetter zeigte sich am ersten Tag nicht gerade von seiner besten Seite. Es war stark bewölkt und zweitweise regnete und schneite es. Zum Glück aber stets nur leicht. Bevor es zurück in die warme Hütte ging, durften wir uns an einem nahe gelegenen Seilbahnmast noch im Selbstaufstieg üben. Am nächsten Tag sollten wir uns dann mit dieser Technik selber aus einer Gletscherspalte retten. Einer vorgängigen «Trockenübung» war da verständlicherweise niemand abgeneigt.

 

 

 

Ausbildungstag auf dem unteren Theodulgletscher (Tag 2)

 

Den zweiten Tag verbrachten wir auf dem unteren Theodulgletscher. Petrus war uns wohl gesinnt. Der Himmel war blau und die Sonne strahlte durchgehend. Ein traumhafter Tag. Mit der Sonnencrème gingen wir nicht sonderlich sparsam um, schliesslich verbrachtener wir den ganzen Tag auf dem Gletscher.

 

Zunächst gab uns Fabian eine Einführung in das Laufen mit Steigeisen. Selbst für mich, der ich bereits öfters Steigeisen an den Füssen trug, war die Einführung durchaus interessant und lehrreich. Einer hinter dem anderen liefen wir flach, aufwärts, abwärts, steiler aufwärts, steiler abwärts, noch steiler auf- und abwärts sowie quer.

 

 

 

 

 

Als nächstes waren Sicherungsverankerungen im Eis Thema. Wir setzten Eisschrauben und erstellten "Eissanduhren". Bei der Eissanduhr bohrt man mit einer längeren Eisschraube von zwei Seiten mit einem 60-Grad-Winkel Löcher in das Eis, die sich in der Mitte treffen. Durch das entstandene "V" wird dann eine Reepschnur gezogen. Kaum vorstellbar, dass diese Art der Sicherung bis zu 1'000 Kg halten kann.

 

 

 

 

 

Schliesslich übten wir uns noch im Abseilen und dem einfacheren Klettern am Eis mit den Steigeisen und zwei Eispickeln. Und dann war es soweit: die Selbstrettung aus dem Gletscherspalt! Nachdem Fabian einen geeigneten Spalt gefunden hatte, wurden wir einer nach dem anderen hinabgeseilt und uns selbst überlassen. Wer nicht in der Gletscherspalte übernachten wollte, musste sich mit eigener Kraft aus der misslichen Lage befreien. Nein, ganz so schlimm war es natürlich nicht. Unser Bergführer stand mit Rat und Tat zur Seite, wenn jemand nicht mehr genau wusste, wie weiter vorzugehen war. Nicht ganz einfach gestaltete sich insbesondere die Überwindung der letzten Meter über den Spaltenrand.

 

 

 

 

 

Vor dem wohlverdienten Abendessen planten wir noch die Tour vom kommenden Tag. Ziel war das Breithorn (4’164 müM). Es galt auf der Karte die Aufstiegsroute einzuzeichnen, allfällige Gefahren zu beurteilen und die benötige Zeit zu berechnen sowie den Wetterbericht zu studieren. Unter der strahlenden Sonne auf der Terrasse der Gandegghütte und mit einem Glas Bier gestaltete sich die Tourenplanung durchaus angenehm. Mit Blick auf die Schwierigkeit der Tour war sie auch recht bald erledigt.

 

 

 

Der erste 4’000er der Woche (Tag 3)

 

Die erste Tour der Woche führte uns auf das Breithorn (4’164 müM). Um 07:30 Uhr stiegen wir beim Trockenen Steg in die Seilbahn und fuhren zusammen mit zahlreichen Skirennfahrern aus aller Welt zum kleinen Matterhorn (3’817 müM). Beim Klein Matterhorngletscher schnallten wir uns die Steigeisen an die Schuhe und bildeten zwei Dreierseilschaften. Am langen Seil liefen wir los und überquerten das Gletscherplateau. Zu Beginn war der Himmel noch mit Wolken überzogen und Nebelschwaden wurden vom Wind über die Berggipfel getrieben. Letzterer blies einem ausserdem stetig kalt ins Gesicht.

 

 

 

 

 

Nachdem wir das flache Gletscherplateau überquert hatten, verkürzten wir das Seil für den nunmehr steileren Aufstieg zum Gipfel. Diesen erreichte unsere Gruppe über die "Normalroute" ohne grosse Mühe. Oben angekommen war die Freude, auf über 4'000 müM zu stehen, gross. Für die Mehrheit der Kursteilnehmer war es denn auch der erste 4’000er. Das Wetter hatte sich im Laufe des Aufstiegs zudem gebessert. Die Wolken hatten sich allmählich verzogen und die Sonne kam zum Vorschein so, dass auf dem Gipfel eine wunderbare Sicht auf die umliegende Bergwelt herrschte.

 

Für den Abstieg folgten wir nicht der "Normalroute", über die wir bereits ufgestiegen waren. Fabian führte uns über den südlichen Grat hinunter. Dieser schmale Grat mit steilen Abgründen auf beiden Seiten sorgte für mehr Nervenkitzel und eine willkommene Alternative zur viel begangenen Aufstiegsroute. Zur Sicherheit begleitete Fabian beide Seilschaften je einzeln über den Grat.

 

 

 

Zurück beim kleinen Matterhorn fuhren wir hinunter nach Zermatt, um von dort die Weiterreise nach Saas-Fee anzutreten. In der selbsternannten freien Ferienrepublik Saas-Fee erwartete uns eine Nacht im Hotel. Über die warme Dusche und die bequemen Betten beklagte sich niemand.

 

 

 

Wunderbare Weitsicht vom Allalinhorn (Tag 4)

 

Früh am Donnerstagmorgen lag dichter Nebel über Saas-Fee. Alle Kursteilnehmer und die beiden Bergführer sassen wir in einer Gondel des Alpin Express und schwebten durch die weisse Sauce. Kurz vor der Station Felskinn breitete sich über uns aber der wolkenlose, stahlblaue Himmel aus und unsere Gondel glitt aus dem Nebel, der sich über Saas-Fee gesetzt hatte.

 

Bei der Bergstation Mittelallalin (3’456 müM) montieren wir wieder die Steigeisen und folgten zunächst ein paar Hundert Meter dem Verlauf der Sommer-Skipiste. Skifahrer in engen Rennanzügen flitzten immer wieder an uns vorbei. Am westlichen Rand der Pisten angekommen seilten wir uns an. Die Knoten und die Seilverkürzung gingen heute bereits etwas schneller von der Hand und Fabian musste nur noch selten weiterhelfen.

 

 

 

 

 

Der Aufstieg auf das Allalinhorn (4’027 müM) war schöner und abwechslungsreicher als derjenige vom Vortag auf das Breithorn. Er führte im unteren Teil über beeindruckende Schnee- und Eisformationen und an mächtigen Gletscherspalten vorbei. Um einen grösseren Gletscherabsatz zu überwinden galt es eine grosse Holzleiter zu erklimmen, die in diesem Jahr installiert worden war. Vom Feejoch (3'807 müM) genossen wir, auf dem westlichen Rücken des Allalinhorn laufend, eine wunderbare Sicht auf die Bergmassive rund um Zermatt.

 

 

 

 

 

 

Auf dem Gipfel angekommen wurde freudig gratuliert, Erinnerungsfotos wurden geschossen und englische Berggänger "bewundert", die oben ohne und trotz mageren Hühnerbrüstchen stolz für ein Gipfelfoto posierten. Ich gestehe, dass die Sonne schien und keine Wolke am Himmel hing. Wir entschieden aber trotzdem, unsere Oberteile anzubehalten.

 

Zurück bei der Bergstation Mittelallalin stiegen wir in den Metro Alpin und fuhren hinunter zur Station Felskinn. Dort erwartete uns noch ein rund 80-minütiger Marsch zur Britanniahütte (3'030 müM). Der frühere direkte Weg zur Hütte ist wegen Steinschlaggefahr gesperrt, daher der etwas längere Marsch. Bei der Britanniahütte wurden wir von guten Sanitären Anlagen und einem geräumigen 10-Bett-Zimmern mit viel Stauraum für unsere Ausrüstung überrascht. Nicht zu vergleichen mit der Gandegghütte.

 

 

 

 

 

Der lange Aufstieg auf das Strahlhorn (Tag 5)

 

Um 02:00 Uhr läutete der erste Wecker. Es war nicht meiner. Ich hatte eigentlich vorgesehen noch 20 weitere Minuten zu schlafen. Frühstück gab es ja erst um 02:30 Uhr. Kurze Zeit nach dem Läuten des ersten Weckers schaltete in unserem Zimmer auch noch jemand das Licht an. Das war’s dann endgültig mit meinen wertvollen 20 Minuten.

 

 

 

 

 

Um 03:00 Uhr liefen wir mit Stirnlampen ausgerüstet los. Die Aussentemperatur war erstaunlich angenehm und es war komplett windstill. Noch etwas müde und mit schweren Augenliedern pilgerten wir unter dem klaren Nachthimmel sowie dem Licht unserer Stirnlampen und des noch fast vollen Mondes in die Stille der Nacht. Der alpine Wanderweg führte uns hinunter an den Hohlaubgletscher. Nach dessen Überquerung mussten wir für den Übergang zum Allalingletscher, der über Geröll und Steine führte, die Steigeisen ablegen.

 

 

 

 

 

 

Über den Allalingletscher liefen wir bis zum Adlerpass (3’789 müM), wo der Tag allmählich anbrach, und von dort auf der nord-westlichen Bergseite Richtung Strahlhorn hinauf. Erst wenige Höhenmeter unterhalb des Gipfels konnten wir die ersten Sonnenstrahlen auf unseren Gesichtern geniessen. Sie waren äusserst willkommen. Mittlerweile wehte ein starker Wind, der uns allmählich etwas frieren liess.

 

 

 

 

 

Auf dem Strahlhorn (4'190 müM) verweilten wir nur kurz, ehe wir uns wieder auf den Rückweg machten und uns weiter unten, wo es weniger windig und wieder etwas wärmer war, eine Pause gönnten. Der Rückweg zur Britanniahütte zog sich in die Länge. Der Allalingletscher wollte schier nichtmehr enden. Beim meditativen Wandern in der Nacht schien dieser noch deutlich kürzer. Und dann war da noch der Übergang zum Hohlaubgletscher, den die meisten von uns ebenfalls kürzer in Erinnerung hatten. Schliesslich erreichten wir aber die Britanniahütte und dann auch die Station Felskinn, wo wir uns müde aber glücklich in eine Gondel nach Saas-Fee setzten.

 

 

 

 

 

Alle Kursteilnehmer hatten den langen Aufstieg auf das Strahlhorn geschafft. Während insgesamt rund 11 Stunden (Britanniahütte – Strahlhorn – Britanniahütte – Station Felskinn) legten wir rund 1'700 Hm zurück.

 

Die letzte Tour war ein anstrengender aber schöner Abschluss unserer (Ferien-)Woche. Wir haben viel gelernt, tolle Menschen getroffen und eine in jeder Hinsicht bereichernde Woche erleben dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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